Konkurrenz weggeputzt: Deutsche Leichtathleten räumen Titel und Medaillen ab bei IWAS Games in Bangalore – Update

Die Erfolgsmeldungen von der Leichtathletik-WM im indischen Bangalore reißen nicht ab. Auch am vierten Wettkampftag vermeldet das deutsche Team sensationelle Ergebnisse: Mathias Mester wirft als erster kleinwüchsiger Athlet den Speer über die 40-Meter-Marke und holt sich den Titel mit einer Weite von 40,69 Metern.

In der 4x-400-Meter-Staffel kommen die deutschen amputierten Sprinter nach Disqualifikation der Thailänder mit einer Zeit von 47,96 Sekunden auf Platz eins und zum Weltmeister-Titel.

Über 100 Meter lief David Behre in neuer persönlicher Bestzeit von 24,56 Sekunden hinter dem Brasilianer Olivera zu Silber.

In der Startklasse der Oberschenkelamputierten  holte sich Heinrich Popow im deutsch-deutschen Duell den WM-Titel über 200 Meter. Bis zur Kurve hatte sich Wojtek Czyz einen Vorsprung erarbeitet, berichtet TSV Bayer 04 auf der Vereinsseite. In der Kurve kam der Leichtathlet vom 1. FC Kaiserlautern dann aber aus dem Tritt und verlor seine Prothese.

An der Spitze des Feldes nutzte Heinrich Popow seine Chance und sicherte sich in 26,62 Sekunden überraschend den Titel und Gold vor dem Japaner Yamamoto.

Heinrich Popow (Mitte) und Thomas Kipping (links)

Thomas Kipping mit Heinrich Popow und David Behre

Verliererin des Tages könnte nun Steffi Nerius sein, die ihre Wette mit Mathias Mester verlor. Doch sie nimmt es sportlich – und wurde vom deutschen Team freudig mit neuer Hymne bedacht: „Wir wollen dich putzen sehen,…“

Derzeit sind wohl alle deutschen Team-Mitglieder Gewinner: http://www.tsvbayer04.de/de/_news.detail.asp?id=4151&guid=E7AB23750F2A4C74B824B4574AD9967C-469-378-421

Beachtliche Leistungen sind das angesichts eher weniger optimaler Startbedingungen an den Wettkampfstätten in Bangalore und organisatorischer Ablaufschwierigkeiten aufseiten der Gastgeber. Sogar indische Sport-Journalisten äussern sich dazu kritisch:

http://beta.thehindu.com/sport/other-sports/article55126.ece

Da musste bei der Eröffnungszeremonie ein Redner im Rollstuhl auf die Tribüne gehoben werden, weil eine Rampe fehlte: ein echtes Handicap. Handbiker und Rennrollstuhlsportler bemängeln die Beschaffenheit der Tartanbahn, die zu langsam sei. „Am Anfang schien die Organisation etwas mit dem Ablauf überfordert zu sein – jedoch steigert man sich hier von Tag zu Tag. Gab es am ersten Tag noch nicht mal Weiten- oder Zeitenanzeigen, hat man das dann gleich am zweiten Tag im Griff gehabt. Mittlerweile wird bei den Siegerehrungen sogar die entsprechende Nationalhymne vom Band gespielt. Am ersten Tag haben wir mit dem Team unsere schöne Hymne noch live gesungen – wir wurden dafür sogar lobend in der indischen Presse erwähnt.“ so Thomas Kipping.

Er betreut das deutsche Team als Orthopädietechniker-Meister vor Ort. Was in anderen Nationen, wie etwa den USA schon seit Jahren professionelle Praxis ist, setzte nun der neue Bundestrainer, Willi Gernemann, um. „Nachdem ich bei einem Wettkampf in Münster gesehen habe, wie wichtig ein Orthopädiemechaniker sein kann, haben wir diese Neuerung eingeführt. Schließlich haben wir zahlreiche amputierte Athleten dabei, die auf ihre Prothesen angewiesen sind.“

Bei 16 Einsätzen stand Kipping den Leichtathleten mit Prothesen-Technik als Fachmann zur Seite, kümmerte sich um Reparatur und Feinjustierung der Sportausrüstung. Seine Werkstatt hat er mangels anderer Alternativen  in seinem Hotel-Zimmer in unmittelbarer Nähe der Athleten eingerichtet. Gegen 13 Uhr ging es dann per Shuttle-Bus samt gepacktem Rucksack mit Notfallwerkzeug, Tapes, Klebstoff ausgerüstet ins Stadion.

Nachwuchsathlet Nick Weihs und Thomas Kipping

Nachwuchsathlet Nick Weihs und Thomas Kipping

„Für die Prothesenträger ist es in erster Linie wichtig zu wissen, dass ein Orthopädietechniker mit entsprechendem Equipment im Hintergrund für den Notfall bereit steht. Das gibt ihnen eine gewisse Sicherheit im Kopf.“ erklärt der Mann für alle Fälle. Diese lassen sich indes trotz Fine-Tuning und Sicherheitsvorkehrungen nicht immer verhindern – und sind zum Glück selten.

Nach den ersten Trainingseindrücken optimierte Kipping die Prothese des Nachwuchsathleten Nick Weihs. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Drei persönliche Bestleistungen und eine Silbermedaille standen für den 17-jährigen Athleten auf der Habenseite.

Mit Orthopädie-Technikern läuft es gut

Mit Orthopädie-Technikern läuft es gut

Seit dem Jahr 2001 betreut Thomas Kipping den vierfachen Medaillengewinner in Indien und Paralympics-Sieger Heinrich Popow.

Thomas Kipping freut sich, das deutsche Team unterstützen zu können: „David Behres Stümpfe haben hier etwas im Umfang verloren – daher ruschten seine Prothesen und ein Sturz im Training war die Folge. Ich habe ihm den Innenschaft angepasst und die Ventile, die das Vakuum halten müssen, verbessert.“ Auch verschiedene statische Anpassungen gehören zu den Aufgaben des Supports vor den Wettkämpfen. Um größere Reparaturen durchführen zu können, steht Kipping in Kontakt mit Kollegen der Werkstatt von Otto Bock Health Care in Bangalore.

Es sei wichtig, alles an Maschinen und Material da zu haben, um komplette Prothesen bauen zu können, ergänzt der Orthopädietechniker des deutschen Teams und lobt die Hilfsbereitschaft der Otto-Bock-Werkstatt, die man bislang noch nicht in Anspruch nehmen musste.

Zum Boxenstopp gehört auch das Reifenflicken – eine echte Herausforderung für Thomas Kipping, als ein platter Rollstuhlreifen von Marianne Buggenhagen sofortigen Support benötigt: „Da kein Ersatzschlauch aufzutreiben war – und eine Lieferung 10 Tage dauert -, improvisierte der  erfahrene Team-Orthopädietechniker – und schnitt flugs einen Flicken aus einem Thera-Band, das Athleten  zu Trainingszwecken dient.

Jörg Frischmann, selbst erfolgreicher Leichtathlet dieser WM mit Silber im Kugelstoßen und Geschäftsführer von Bayer 04 Leverkusen, sagt: „Tom Kipping hat den Bereich Prothetik  sehr gut begleitet. Ich würde mich freuen, wenn er fester Bestandteil des Teams wird.“

Siegerehrung Jörg Frischmann

Siegerehrung Jörg Frischmann

Alles in allem läuft es sehr gut für das deutsche Leichtathletik-Team. Nächste Station ist vor den Paralympics 2012 die IPC Leichtathletik WM in Neuseeland 2011 – möglichst auch mit dem Orthopädie-Techniker Thomas Kipping im Nationalteam.

Martina Willing holte ihre zweite Goldmedaille nach Diskus jetzt auch im Kugelstoßen. Mit einer Weite von 8,17 Metern blieb die 50-Jährige nur 34 Zentimeter unter ihrer persönlichen Bestleistung und 47 Zentimeter unter dem Weltrekord. Für die mehrfache Paralympics-Siegerin Willing ist dies der siebte WM-Titel ihrer Laufbahn, meldet die Märkische Oderzeitung: http://www.moz.de/index.php/Moz/Article/category/Sport/id/306069 Am Sonntag setzte die Athletin noch einen drauf und eroberte sich beim Speerwerfen mit 23,53 Metern Platz eins und erneut Gold. Alle guten Dinge sind drei.

Im Speerwurf sicherte sich Marianne Buggenhagen mit 16,32 Metern Bronze. Am Sonntag glückte ihr beim Kugelstossen, was Martina Willing in deren Startklasse zuvor gelang: mit einer Weite von 8,17 Metern die Eisen- in eine Goldkugel zu verwandeln.

Weitwurf-Spezialisten - Ali Ghardooni und Steffi Nerius

Weitwurf-Spezialisten - Ali Ghardooni und Steffi Nerius

Der 29-jährige Diskuswerfer Ali Ghardooni, der nach einer Kinderlähmung das rechte Bein eingeschränkt nutzen kann, wirft die Scheibe aus der Sitzposition heraus – jetzt mit einer Weite von 44,71 Metern zu Gold. Damit hat der gebürtige Iraner sein Ziel hier bei der Leichtathletik-WM in Indien erreicht: den Weltmeistertitel. Er hofft, 2010 die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten.

Mit einer Gold- und zwei Silbermedaillen endeten die Titelkämpfe für die deutsche Mannschaft bei der Leichtathletik Weltmeisterschaft in Indien. Zum Auftakt des letzten WM-Tages gewann Marc Schuh in einem packenden Finale mit der Zeit von 49,62 Sekunden über 400 Meter Gold.

Weltmeister Mathias Mester

Weltmeister Mathias Mester

Mathias Mester stieß die Kugel zum guten Schluss mit 11,91 Metern noch einmal auf Europa-Rekordweite und gewann damit eine Silbermedaille. Seine Trainerin Steffi Nerius zeigt sich darüber mehr als erfeut – trotz oder gerade wegen verlorener Wette.

Sehr erfreulich, dass zumindest einige deutsche Lokal-Redaktionen auch aus der Ferne am Start sind bei den IWAS Games 2009.

(Text: Andrea Ramsteck, Fotos: Jörg Frischmann/TSV Bayer04 Leverkusen, Ali Ghardooni: privat)

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IWAS Leichtathletik-WM 2009 Bangalore: Buggenhagen und Willing holen Titel für Deutschland

Kürzlich erst hatte Martina Willing mit Trainerin Steffi Nerius Position und Sportgerät getauscht – und war dabei von der jüngeren Speerwerferin überboten worden.

Jetzt überbieten Martina Willing (SC Stahl Brandenburg) und Marianne Buggenhagen (SC Berlin) – als zwei Grand Ladies der Leichtathletik – alle Erwartungen und langen schon am ersten Wettkampftag der WM richtig zu. Marianne Buggenhagen holte sich in ihrer Startklasse (F 55) den WM-Titel im Diskus mit einer Weite von 25,80 Metern. Martina Willing wollte da nicht zurückstehen – und warf den Diskus in ihrer Startklasse (F 56) gleichfalls zu neuer Weltrekordweite. Die Athletinnen betreiben ihren Sport im Rollstuhl (und wechseln bei Diskus und Speerwurf in spezielle Sportstühle). Martina Willing ist zudem blind.

Beide Top-Sportlerinnen und das gesamte Deutsche Team werden uns in den nächsten Tagen sicher mit weiteren Bestleistungen auch beim Speerwerfen und Kugelstoßen auf Trab halten. Michaela Floeth (TSV Bayer 04 Leverkusen) kam beim Diskus in ihrer Startklasse mit 37,69 Metern auf den ersten Platz. Ihre Vereins-Kollegin Katrin Green sprintete über 100 Meter als Erste in 13,62 Sekunden durchs Ziel zum neuen deutschen Rekord. Astrid Höfte, gleichfalls TSV Bayer Leverkusen,  gewann Bronze und verbesserte mit 14,07 Sekunden zugleich ihre persönliche Bestzeit. Auch Jana Schmidt (LV Waren – Müritz) und Vanessa Low liefen über die gleiche Distanz in der Startklasse T 42 zu Gold und Silber. Bei den Herren war Reinhold Bötzel (NBS Nienburg) im Hochsprung Sieger des Tages. Kugelstoßer Frank Tinnemeier (Bayer 04 Leverkusen) gewann seine erste internationale Medaille.

Mit David Behre, Markus Rehm (beide Leverkusen) und Nick Weihs (Ludwigslust) sind gleich drei unterschenkelamputierte Nachwuchs-Sprinter im Finale am Donnerstag. Besonders erfreulich ist, dass David Behre (12,05sec) und Nick Weihs (12,23sec) neue persönliche Bestzeiten erzielten. Hinter dem Brasilianer Oliveira haben alle drei Medaillenchancen.
Im 100-Meter-Sprint in der Startklasse T54 hatte Rollstuhl-Schnellfahrer Marc Schuh mit der fünftschnellsten Vorlaufzeit ebenfalls das Finale erreicht.

Indes sind die Bedingungen in der Sportarena der indischen Millionen-Metropole Bangalore keineswegs so highttech-tauglich, wie es ein Technologie-Zentrum vermuten läßt: „Es wirkt vieles noch ziemlich unfertig. In der Weitsprunggrube war noch kein Sand, im Kugelstoß-Ring fehlt der Balken, für die Diskuswerfer ist noch kein Netz installiert“, sagte Delegationsleiter Jörg Frischmann (TSV Bayer 04 Leverkusen) gegenüber RP-Online.

Das tropische Klima stellt an Athleten, die mit Sportprothesen an den Start gehen, hohe Anforderungen: Beim Schwitzen kann es leicht geschehen, dass die Sportprothese am Beinansatz ins Rutschen kommt – bei Sprint oder Weitsprung den Halt verliert. Doch die Profisportler kennen die Risiken, prüfen den sicheren Sitz lieber mehrfach – und wischen sich das Wasser vorsichtshalber öfter von Stirn und Bein. Doch das Handtuch zu werfen, kommt nicht infrage. Seien die Bedingungen auch noch so schwierig. Man macht offensichtlich das Beste daraus – sprichwörtlich und sportlich gesehen.

Einen ersten Überblick zum System der Startklassen (auch Schadensklassen genannt) gibt es hier: http://www.leichtathletik.de/dokumente/ergebnisse/uploads/paralympics/startklassen_paralympics.pdf Abhängig von Art und Umfang der körperlichen Beeinträchtigung starten die Athleten zur Wahrung der Chancengleichheit in jeweils eigenen vergleichbaren Startklassen.

Die Berliner Morgenpost stellt Leichtathletik-Weltmeisterin des Jahres 2009 und Diplomsportlehrerin Steffi Nerius in einer Reportage aus Anlass der IWAS Leichtathletik-WM in ihrer neuen Arbeit als Trainerin der deutschen Behinderten-Leichtathletik-Mannschaft vor: http://www.morgenpost.de/sport/article1212047/Weltmeisterin-Nerius-trainiert-einen-Weltmeister.html

Der Erfolg der Brandenburger Sportlerinnen Buggenhagen und Willing findet bislang in der sonstigen Berliner Regional- und Lokalberichterstattung – leider auch im Sportteil eines Paralympics-Medienpartners – keine Erwähnung. Und dabei reichte man mir neulich noch eine hellblaue Papiertüte mit der Aufschrift „Paralympics Zeitung“ – in der meine Tageszeitung steckte, die ich seit über 30 Jahren lese. Ich bleibe zuversichtlich.

Aber dies hier sind ja nicht die Paralympics – und die WM läuft noch. Womöglich kommt man in Berlin ja noch nach – mit aktuellen Sportnachrichten von der IWAS Leichtathletik-WM 2009 in Bangalore.

Die Mannschafts-Aufstellung ist folgende:

David Behre: 100m, 200m, Staffel

Reinhold Bötzel: Hochsprung

Marianne Buggenhagen: Kugelstoßen, Diskus, Speerwurf

Wojtek Czyz: 100m, 200m, Weitsprung, Staffel

Michaela Floeth: Kugelstoßen, Diskus

Jörg Frischmann: Kugelstoßen

Ali Ghardooni: Diskus

Katrin Green: 100m, 200m, 400m, Weitsprung

Astrid Höfte: 100m, 200m, Weitsprung

Ulrich Iser: Kugelstoßen

Vanessa Low: 100m, Weitsprung

Mathias Mester: Kugelstoßen, Speerwurf; Diskus

Heinrich Popow: 100m, 200m, Weitsprung, Staffel

Markus Rehm: 100m, 200m, Weitsprung, Staffel

Jana Schmidt: 100m, Kugelstoßen, Speerwurf

Marc Schuh: 100m, 200m, 400m

Frank Tinnemeier: Kugelstoßen

Nick Weihs: 100m, 200m, Weitsprung, Staffel

Martina Willing: Kugelstoßen, Speerwurf, Diskus

Das Team Bayer 04 Leverkusen berichtet täglich von der WM Bangalore für die deutsche Mannschaft unter http://www.tsvbayer04.de/de/beh_ottobockmeeting_2007.asp?guid=720DA73FC3EF4A7D84EAB9588172571F-1609

(Quellen Presse: Märkische Oderzeitung v. 25.11.2009 und RP-online v. 25.11.2009)

http://www.moz.de/index.php/Moz/Article/category/Sport/id/305657

http://www.rp-online.de/bergischesland/leverkusen/sport/Die-Sorge-um-den-stabilen-Halt_aid_786980.html