Waka Waka, Vuvuzela – „Voy! Voy!“ Wenn Fußball richtig gut klingt: „You can feel it!“

Das klingt gut! „Soccer for the Blind“.

Ja, er hat sie auch schon ausprobiert – die Vuvuzela. Auch sein Name ist derzeit in aller Munde – wegen dieses Wortspiels. Uwe Seeler amüsiert es, dass die Ähnlichkeit des Wortklanges seines Namens mit dem der lautstarken Soccer-Fanfare weltweit so einen Hype macht – und vor allem König Fußball in aller lärmresistente Ohren und fußballverrückte Herzen bringt.

Alle bleiben am Ball – auch bei der WM Südafrika

Die WM live für blinde und sehbehinderte Fussballfans, ein Sonderheft in Brailleschrift, „Daisy-CD“ und Videoberichte in internationaler Gebärdensprache holen die Spiele für alle auf den Schirm.

Die Welt zu Gast in Afrika – Fußball bringt Menschen einander näher, fast barrierefrei.

Dumisane Ntombela verlor sein Augenlicht im Alter von zwei Jahren, spielt leidenschaftlich Fußball – und trainiert mit erst 19 Jahren sein Team „The Silver Spears“ in südafrikanischen Townships.

Auch der blinde Marathonläufer und Paralympicssieger Henry Wanyoike unterstützt  ein Soccer-Projekt für sehende und blinde Kinder und Jugendliche in Kenia.

Immer mehr blinde und sehende Kicker begeistern sich für das Spiel nach Gehör – auch beim Fifa-Weltmeister Deutschland.

Wie kann man denn Fußball spielen, ohne zu sehen?

Mulgheta Russom – der beste Nationalspieler des deutschen Blindenteams hat es drauf!

Die Kicker „lesen das Spiel“ mit Hilfe eines speziellen auf ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse ausgerichteten Trainings. Das Spiel folgt besonderen Regeln. Die beschrieb ich erstmals im Blog 2008:

Raus aus dem Abseits – erste Saison der Blindenfußball-Bundesliga

Verfasst am 31. März 2008 – 9:00.

Anpfiff für die erste Fußball-Bundesliga der blinden Kicker war am Wochenende des 29.

und 30. März in Berlin und Stuttgart. Jeweils vier Mannschaften traten gegeneinander an, um erstmals in der Geschichte des Behindertensports den Deutschen Meister der sieben repräsentierten Bundesländer zu ermitteln.

In Berlin liefen die SG Berlin/Würzburg, St.Pauli, Dortmund und Chemnitz sowie in Stuttgart die dortige Heim-Mannschaft, Mainz, Marburg und Essen auf. Das bedeutet je zwei mal 25 spannende Spielminuten.

Dribbeln, Pässe, Stürmen – und blindes Ballgefühl

Das Spiel der blinden Fußballer steht dem der sehenden Kicker nicht nach. Es ist ebenso schnell wie mitreißend, auch hart – aber fair. An Letzteres erinnert der Schiedsrichter die aufgeheizten Spieler auf dem Spielfeld des Berliner Olympiageländes in einer kurzen Auszeit. Die harten Kerle mit dem sanften Ballgefühl sind nicht zimperlich. Da wird schon mal gerempelt, gestürzt oder ungebremst krachend gegen die Bande am Spielfeldrand gerast. Deshalb tragen die Kicker eine etwas futuristisch anmutende, schützende Kopfmanschette. Eye-Pads und Augenbinde sorgen für einen fairen Ausgleich unterschiedlich starker Seheinschränkungen.

Dribbeln, Pässe, Stürmen – und blindes Ballgefühl. Das sind die Kompetenzen der Kicker, die den Ball nicht sehen können. Als eine Spezialanfertigung ist er kleiner und schwerer als das Fifa-Modell, zudem innen mit rasselnden Schellen ausgestattet. So können ihn die vier Feldspieler orten und sicher ins gegnerische Tor manövrieren. Dieses ist entsprechend der 40 mal 20 Meter messenden Spielfläche so groß wie ein Handballtor. Der Keeper – als einziger Spieler sehend – dirigiert seine Mannschaft durch Klopfen auf beide Torpfosten sowie laute Zurufe. Er verläßt den Torraum nicht weiter als bis auf zwei Meter. Hinter dem Tor und auf Höhe der Mittellinie unterstützen am Spielfeldrand sehende Guides – wie Rupert Liedke für die Berliner – beide Mannschaften bei der Orientierung. Unterdessen ist für die Fans “Ruhe!” angesagt bis das Tor fällt, dann gibts kurz und laut La Ola. Bald auch für den Frauenfußball, so hofft Helga “Charly” Liedke. Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau – so auch beim Blindenfußball, wo man bislang auch gemischt spielt.

„Voy! Voy! Ich komme!“ – Fans und Medien auch

Die Kunst dieses Fußballs ist ein Mix aus gekonnter Beinarbeit, höchster Konzentration kombiniert mit Intuition und Teamgeist. All dies sowie Ausdauer und hohe Motivation der blinden Kicker hat Fußball-Legende Uwe Seeler so stark beeindruckt, dass er sofort die Schirmherrschaft über die neue Fußballbundesliga der Blinden (DBFL) antrat – und ihr damit eine Steilvorlage gab.

Mit ausgefeilter und trainierter Lauftechnik führen die Kicker den Ball beim Dribbeln meist dicht am Fuß. “Voy! Voy!” das rufen sie immer wieder, während sie losstürmen. Denn sie wollen sich nicht gegenseitig umrennen. Dieser Ruf verrät den Mitspielern den Anlauf: “Ich komme!” und dem Publikum die Herkunft des Blindenfußballs aus Spanien, dem Land des amtierenden Europameisters. Dort und in Brasilien hat dieser Sport eine rund 20-jährige Traditon. Die Brasilianer erspielten sich zuletzt bei den Paralympics in Athen 2004 sogar Gold und wollen dieses in Peking verteidigen. Der Paralympionike und Schwimmer Ralf Hohn hat das Element gewechselt – und ist als blinder Torjäger jetzt nicht mehr nass vom Wasser, sondern vom Powern auf dem Rasen.

Damit zurück in die Fußball-Arena Berlin. Rund 100 Zuschauer sowie zahlreiche Presse- und Medienvertreter verfolgten die Partien und bescherten den Spitzenspielen hohe öffentliche Aufmerksamkeit. Auch Kristoffer Klein, Journalist der Süddeutschen Zeitung, kann sich diesem speziellen Ballzauber nicht entziehen: “Anfangs zittert man ja etwas um die Spieler wegen des Verletzungsrisikos. Doch dann merkt man schnell, wie wendig und sicher sie das Spiel beherrschen.” Klein schreibt über die DBFL auch aus persönlichem Engagement als Kommentator von “Standard-Spielen” im Stadion für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen.

Bislang stand der hierzulande noch junge Blindenfußball eher im Abseits des sportlichen Geschehens. Rainer Delgado tritt bei der DBFL für die Berliner an und erklärt, wie wichtig es sei, Spielpraxis unter professionellen Bedingungen zu erwerben. Trainer und Guides werden intensiv gesucht. Doch es mangelt noch an einer zertifizierten Trainer-Ausbildung – und angemessenen Honoraren. Doch sei man sehr dankbar für die professionelle Unterstützung von Förderern und Sponsoren sowie des Behindertensportverbands Berlin und des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands (DBSV). Er vertritt als Spitzenverband rund 145.000 blinde und weit mehr als 500.000 Menschen mit Seheinschränkung. Gemeinsam mit dem Sozialverband Deutschland plante man Ende 2005 ein erstes internationales Blindenfußballturnier im Vorfeld der Fifa-WM 2006. Der Rest ist Geschichte, an der jetzt auch Markus Baysal maßgeblich mitschrieb, als er den ersten Treffer dieser Saison zum 1:0 gegen den 1. FC St. Pauli erzielte. Herthaner Marco Pantelic kennt den Taumel zwischen Sieg und Niederlage. Das auszuhalten. gehe sicher nur mit enormer Motivation und Moral, sagt er voller Respekt gegenüber den Kickern der neuen Fußball-Bundesliga.

Abseits? Das gibt es hier nicht!

Jetzt ist der Blindenfußball raus aus dem Abseits. Genau genommen gibt es das hier gar nicht. Wozu auch? Sieht ja sowieso keiner. Und die Kicker mit dem blinden Ballgefühl finden zudem: “Das Runde muss ins Eckige!” Das ist fürs Erste sehr erfolgreich gelungen: Dortmund führt nach dem ersten Spieltag mit 6:0 Punkten die Tabelle vor Stuttgart und Essen an. Die SG Berlin/Würzburg liegt auf Platz 6.

Hertha BSC-Manager Dieter Hoeneß ist begeistert von so viel Leidenschaft und Können:”Jeder, der so ein Spiel gesehen hat, wird wiederkommen.”

In der Ruhe liegt die Kraft

Für Fußball-Muffel ist die mittlerweile tosende Debatte um den Lärmpegel der trendigen Tröte eine willkommene Steilvorlage zur Meidung von Fanmeile und Stadion.

Sogar „Uns Uwe“ findet die inbrünstig in den Fußball-Arenen Südafrikas und weltweit geblasene Vuvuzela „extrem laut und für die Ohren sicherlich nicht das Beste, aber ich hoffe, dass das meine Ohren aushalten. Bislang hab ich noch keine Oropax, weil ich die Stimmung schon mitbekommen möchte im Stadion. Ich fliege ja nun rüber zu den Spielen und ich will mal sehen, wie sich das da drüben anhört.“ Er hat zum Anfeuern beim Spiel seines Enkels schon mal selbst in eine Vuvuzela geblasen: “Das ist gar nicht so einfach, da richtig scharfe Töne raus zu bekommen, da gibt es auch eine Technik dafür, damit die Töne auch dementsprechend schrill und laut rauskommen.“

Der vitale 73-Jährige begeistert sich aber auch für noch ganz andere Fußball-Töne. Und die dürften sogar Fußball-Muffel und Vuvuzela-Skeptiker ans Spielfeld locken:

Das Rasseln des Balls, den die Kicker der Blindenfußball-Bundesliga kürzlich siegreich im Spiel gegen die Mannschaft der Türkei auf dem Rasen vorm Berliner Reichstag zum Dreizwei ins Tor manövrierten:  Eine Premiere wie die der deutschen Nationalelf in Südafrika – und ausbaufähig.

Anders als jetzt bei der Fußball-WM in Südafrika sind statt lautstarker Fan-Unterstützung eher leise Töne angesagt. In der Ruhe liegt die Kraft – besonders beim Blindenfußball, wo das Spiel im Wesentlichen mit einem feinen Gehör, ausgefeilter verbaler Kommunikation und hoher körperlicher Geschicklichkeit gemacht wird.

Eine anfeuernde Geräuschkulisse mit lauten Fanrufen oder gar ohrenbetäubenden Vuvuzelas nach dem Spiel-Anpfiff bedeuten: Rote Karte fürs Publikum. Fußballverrückte Fans dieses noch relativ jungen Sports in Deutschland stört das nicht. Die faszinierende Akrobatik der blinden Soccer, ihre sehenswerte, ganz spezielle Spieltechnik und -Taktik machen neben der Leidenschaft der Blindenfußballer den Reiz aus.

„Faszinierend, toll, sensationell“

So umschreibt Seeler seine Eindrücke vom Blindenfußball. Der Unterstützer der Blindenfußball-Bundesliga hat sich die blickdichte Textilbrille schon aufgesetzt und bei den blinden Akteuren mittrainiert. „Das ist unheimlich schwer“, kommentiert er seinen Selbstversuch. Er hat „riesige Hochachtung“ vor dem Können der neun Bundesliga-Teams. „Mich beeindrucken besonders das Ballgefühl und die Orientierungsfähigkeit der Spieler.“

Der beste Spieler der deutschen Blindenfußball-Nationalmannschaft ist der aus Afrika stammende Stuttgarter Mulgheta Russom. Wenn Bundestrainer Ulrich Pfisterer „Mulle“ ruft, wird es spannend – und es fühlt sich nach Tor an. Lena Neef drehte als Abschlussarbeit ihres Studiums der Audiovisuellen Medien über den Ausnahme-Sportler den viel beachteten Dokumentarfilm : „Mulgheta“.

„1000 Mikes“ – Blindenfußball on Air

Wer kein Spiel verpassen will, kann online Kommentare und Infos hören – oder bei Blindenfußball-online.de lesen. Presse, die täglich über Bundesliga & Co. schreibt, hat den Blindenfußball bislang selten im Sportressort. Beim Länderspiel in Berlin waren zahlreiche Medienvertreter auf dem Platz zum Interview: „Immer ran, an den Ball.“

Spieler und Fans fiebern jetzt mit der DFB-Nationalelf in Südafrika beim Public Viewing – und hoffen auf einen Sieg für Deutschland. Der Keeper beim Blindenfußball-Länderspiel vorm Reichstag klopft auf beide Torpfosten und ruft: „Hier ist die Mitte!“  – in der Gesellschaft, betonen die Förderer. Wenn das Runde ins Eckige fliegt, ist die Welt in Ordnung – für den Moment. Jetzt darf sie kurz und laut tönen, die Vuvuzela:

Fußball ist der Sport in der Mitte der Menschen: „You can feel it.“