Blattkritik: Nichts Neues in den News über Behindertensport? up(to)date #2.0

Die :paralympic_News_01_10 stehen an.
Die Nachrichtenticker laufen auf Hochtouren beim Sport.
Unsere Nachrichtenlage ist eher bescheiden? Stimmt nicht.

Sportreporter brauchen Sportler – beide brauchen Fans

Presse ist gut – Community besser. Eines kommt nicht ohne das andere aus. Der „Elektrische Reporter“ erklärt Dinge, die man eigentlich nicht erklären kann: http://www.elektrischer-reporter.de/index.php/site/film/45/

Hier ein offener Brief des Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) Friedhelm Julius Beucher
an die Medien – der Aufruf im Wortlaut:

________________________

Sehr geehrte Medienvertreter,
sehr geehrte Redakteure in den Sportredaktionen,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Sportfreunde,

in nur wenigen Wochen folgen der diesjährigen Winter-Olympiade in
Vancouver die Paralympischen Winterspiele (12. bis 21. März 2010). Der
Deutsche Behindertensportverband wird am 17. Februar die Athletinnen und Athleten nominieren, die unser Land in Kanada vertreten werden. Bis zu diesem Zeitpunkt nutzten und nutzen noch viele der Sportler die anstehenden Welt- und Europacups um wichtige Qualifikationspunkte zu sammeln.

Leider konnte ich bisher auf keiner Sportseite der deutschen Zeitungen –
abgesehen von einigen lokalen Berichterstattungen- Hinweise oder gar
Berichte über erzielte Platzierungen bei internationalen wie auch nationalen Wettkämpfen entdecken. Dabei gehen unsere Informationen regelmäßig an insgesamt 800 Redaktionen in Deutschland. Ich erhebe dabei bewusst nicht den Anspruch die bisherigen Erfolge, übrigens durchweg auf den 1.bis 5. Plätzen, montags lesen zu können. Ich weiß, dass spätestens seit Bundesligabeginn im Fußball und der momentan stattfindenden Handball-EM, neben den Berichten über andere Sportarten und die Olympiavorbereitung der Nichtbehinderten dann kein Platz ist. Aber der Sport hat ja mindestens täglich 1-2 Seiten!

Ich möchte Sie deshalb bitten, der Berichterstattung über den Wintersport
unserer behinderten Leistungssportler, die bekanntlich zu den Besten der Welt zählen, angemessenen Raum in Ihrem Medium zur Verfügung zu stellen. Das gebietet unser Anspruch auf Chancengleichheit sowie der Respekt vor den Leistungen der Athletinnen und Athleten und selbst wenn zunächst nur bei Kurznachrichten oder ähnlichen Rubriken die Sieger und Siegerinnen „auf dem Stockerl“ erwähnt werden.

Sie werden spätestens an den jeweiligen Montagen nach den noch
ausstehenden Wettkämpfen Ergebnisse und Informationen online erhalten.

Dafür sorgt persönlich unsere Pressesprecherin Markéta Marzoli.
Eine Aufstellung der noch ausstehenden Wettkämpfe finden sie hier:

Ski alpin:

17.-23.01.Weltcup in Sestriere/ITA
12.-14.02. Weltcup Arta Terme/ITA
28.02.-05.03. Weltcup in Aspen/USA

Ski nordisch:
25.01.-01.02. Weltcup Bessans/FRA
01.02.-07.02. Weltcup Oberried/D

Mit sportlichen Grüßen

Friedhelm Julius Beucher
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Das Anschreiben an die Medien als PDF hier:

Offener Brief an die Medien von Friedhelm Julius Beucher

Meine Meinung:
Die Kommunikation zum Thema Behindertensport ist auch im Bereich Social Media und Blogs – trotz vielseitiger Aktivitäten in allen Onlinebereichen – hierzulande noch immer recht verhalten. Nicht ohne Grund? Warum haben professionelle Sport-Journalisten und sogar innovative Blogger – wie etwa Jens Weinreich – paralympischen Sport selten oder nicht auf ihrer Agenda?

Verbände und Vereine haben sich als Ziellinie „Inklusion“ und „Integration“ auch im Sport gesetzt. Derweil präsentieren sich Athleten bei Olympia und Paralympics noch immer in getrennten Arenen – mal vor gut gefüllten Rängen, mal vor fast leeren Zuschauerplätzen. Erstmals die Sommerspiele in Peking 2008 boten allen Athleten richtig großes Publikum – sehr zur Freude auch der Paralympioniken.

Eine Annäherung findet – in der Sportszene nicht unumstritten – langsam statt: Der kanadische Langläufer Brian McKeever wird in Vancouver ein kleines Stück Sportgeschichte schreiben. Als stark sehbehinderter Athlet geht er als erster Wintersportler sowohl bei den Olympischen Winterspielen als auch bei den anschließenden Paralympics an den Start:
http://www.focus.de/intern/archiv/langlauf-mckeever-plant-historischen-doppelstart_aid_473627.html

Schwimmerin Nathalie du Toit und Tischtennissportlerin Natalia Partyka haben bei den Sommerspielen bereits gezeigt, wie das geht – mit Erfolg.
Oscar Pistorius hat sich die Starterlaubnis bei Olympia juristisch erkämpft und sprintet gegen Vorbehalte,  Zeit und für seine Qualifizierung.

Änderungen der bislang hochkomplexen paralympischen Regelwerke und Startklassen sind in vollem Gange, um den paralympischen Sport fürs Publikum transparenter und attraktiver zu machen. Nur wenn das gelingt, füllen sich die Zuschauertribünen – und die Presse ist für alle Athleten und Fans mit am Start. Das gilt umso mehr in Zeiten knapper Ressourcen. Christiane Link hat dieses Thema bereits vor langer Zeit in ihrem Blog „Behindertenparkplatz“ diskutiert http://www.behindertenparkplatz.de/cl/2008/01/14/897/ Sie sagt, Paralympics als „Sonderveranstaltungen behinderter Menschen sind sowas von out“.

Sie schlägt vor: „Man könnte die Paralympics und die Olympischen Spiele zusammen legen und die Wettkämpfe abwechselnd abhalten. Mal startet eine Gruppe behinderter Sportler, mal eine Gruppe nicht behinderter Sportler. Die Spiele zeitlich zu trennen, macht für mich keinen Sinn und ist nichts anderes als Ausgrenzung.“ Diese Meinung findet zunehmend breite Zustimmung. Die Streichung von Sportdisziplinen hingegen ist unverständlich. Leichtathletik und Schwimmen auch der Athleten ohne Handicap haben als Randsportarten ohnehin weniger Publikum als Breitensport Fußball.

Sportevents und Wettbewerbe der Athleten mit Handicap finden auch zwischen den Spielen sicherlich mehr Aufmerksamkeit bei Medien und Sportfans, wenn sie integrativ stattfinden – ohne das alte Etikett „Behindertensport“. Im Bereich Jugendsport bei Vereinen – wo auch der olympische und paralympische Nachwuchs trainiert – ist dies bereits öfter der Fall. So etwa beim beliebten dynamischen Rollstuhlbasketball, wo Fußgänger mit Rollifahrern ein Team bilden – und gemeinsam übers Spielfeld Richtung Korb rasen, dabei der gegnerischen Mannschaft den Ball abjagen. Auch an der Tischtennisplatte oder beim Badminton gehen Sportler mit und ohne Handicap immer öfter gemeinsam zum Aufschlag ans Netz. Sportberichte und Bilder gehen schon jetzt online ins Netz – auf Facebook, Youtube, Blog und Twitter. Sportler und Fans sind hier aktiv und ergänzen – oder ersetzen – die klassischen Medien. Zeitung, Radio und Fernsehen sollten mit ihren Sportreportern am Start sein.

In Sportveranstaltungen, Online-Foren und Social Networks kommen Sportler und Fans, Infos und Feedback zusammen – zeitnah. Es gilt ja das Credo: schneller, höher, weiter.


Sportkommunikation ist zunehmend auch als Marken-Kommunikation auf PR und Cross Media angewiesen. Das zeigt die aktuelle Kampagne der Deutschen Sporthilfe, die auf Facebook per Viral-Marketing um Sponsoren wirbt. Marketing-Experte Oetting weist zurecht darauf hin, dass es nicht genüge, Kreativen zuzurufen:“Macht uns mal eine Kampagne für unseren neuen Sportschuh!“ Er sagt, Community sei eine Einstellung – keine Klickmaschine: http://www.connectedmarketing.de/cm/2010/01/community-ist-eine-einstellung.html

Was nützen neue Sportschuhe, wenn die Kommunikation ein alter Hut ist?

Die einfache Weiterleitung von Pressemitteilungen per „Copy&Paste“ mag zwar Reichweiten erzeugen, greift aber zu kurz – es fehlt an Tiefe und O-Tönen in der Berichterstattung. Wer will das lesen? Journalismus – auch die sogenannte Graswurzelvariante – ist aufwendig und verdient Honorierung. Da verweise ich per Link lieber gleich auf die Quelle, das ist seriöser und vertrauensbildender als einfaches „Abschreiben“. Zum Twittern genügen schon wenige Worte – genau genommen 140 Zeichen.

Auch Kontaktpflege und Recherche brauchen Zeit. Viele Ansprechpartner in Vereinen sind ehrenamtlich tätig, Pressestellen eher die Ausnahme. Informationen müssen je nach Veröffentlichung in Print oder Online zielgruppengerecht aufbereitet werden – möglichst barrierefrei.

Die Low-Budget-Alternative? Der Pressespiegel online.

In Kürze hier also wieder :paralympic_News_01_10 – ein Pressespiegel, ganz ohne Honorar zusammengestellt, aber mit viel Zuspruch gelesen. Weil er es wert ist – der paralympische Sport.

Presse-Medien machen sich gerade auf den Weg von Print nach Online. Community – da sind die Fans. Sportler müssen sich nur noch mehr zeigen, auch durch Marken-Kommunikation und Dialog mit ihren Fans: Sport und seine Fankultur liefern den Stoff: aktuelle Berichte, die eine gute Zeitung ausmachen. Wie ein Spagat zwischen Olympia und Paralympics ist das? Eher eine Brücke – mit erreichbarer Ziellinie.

Bei alledem gilt wie im Leistungssport: Qualität vor Quantität – alles andere behindert nur.

Bleiben wir dran… Sponsoren für Sportler: „Da geht noch was!“ – auch bei Fans

Bevor es hier weiter geht mit dem Bloggen – nur ein kurzer Werbeblock: Bleiben Sie dran!

Die Stiftung Deutsche Sporthilfe ist dieser Tage mit neuer Kampagne am Start: mit „Stellenanzeigen“ und einem Quiz https://www.sporthilfe.de/Startseite.dsh Eine auskömmliche Sportlerkarriere als Hauptgewinn?

Fragen über Fragen – und ein Interview.

Der Vorstandschef der Stiftung Deutsche Sporthilfe, Werner E. Klatten, erläutert im Gespräch mit dem Tagesspiegel Motive und Ziele der Spenden-Kampagne http://www.tagesspiegel.de/sport/art272,2987308

Richtig geschaltet? Sport sucht Sponsoren per Stellenanzeige

Stellenanzeige Sportler

…gesehen auf „Yucca Tree Post“, dem Blog von Jürgen Vielmeier. Lesenswert auch die Kommentare dort zum Thema: http://yuccatree.de/2010/01/ironische-kampagne-der-deutschen-sporthilfe-60-stunden-woche-fur-600-euro/

Als Repräsentanten aller von der Deutschen Sporthilfe geförderten Leistungssportler engagieren sich der Schwimmer Thomas Lurz, Fechterin Britta Heidemann, Judo-Sportler Ole Bischof, Leichtathletin Steffi Nerius, die Kanuten Nicole Reinhardt und Max Hoff – sowie der Alpin-Skirennfahrer und Paralympionike Gerd Schönfelder.

Bemerkenswert hier, dass der Paralympics-Top-Athlet in einer dpa-Pressemeldung bei der Süddeutschen Zeitung, immerhin als einzigem Blatt genannt, doch recht lapidar ohne Nennung seiner Leistungssportdisziplin allgemein dem „Behindertensport“ zugeordnet wird: http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/899392 . Da braucht es noch etwas mehr als Stellenanzeigen für Sportler im Blatt: „Journalisten gesucht“…

Schwimmer gesucht

Die FAZ titelt zu dieser Anzeige in ihrer Printausgabe: „Arme Athleten – Auf Hartz-IV-Niveau für Deutschland“ http://www.faz.net/s/Rub9CD731D06F17450CB39BE001000DD173/Doc~E2817E5A51C90432AB8D0F7217624FA10~ATpl~Ecommon~Scontent.html – und läßt Top-Sprinter und Olympionike Till Helmke zu Wort kommen.

Eine Kampagne, die Welle macht – und in den Foren mancher Onlinemedien, wie etwa der Welt, bei den Leser-Kommentaren an Ironie und Sarkasmus zuweilen noch um Längen überboten wird: http://www.welt.de/sport/article5724414/Hungerlohn-statt-Reichtum-fuer-die-Weltmeister.html

Meine Meinung: Sportler werden ist nicht schwer, Sportler sein dagegen schon… – im Leistungssport. Doch da geht noch was auch für Athleten des paralympischen Sports: Sponsoren für Sportler. Weil nicht nur die Medaille zählt… Und überhaupt

Die Videoantwortder Stiftung Deutsche Sporthilfe auf ihrem neuen YouTube-Kanal: „Sporthilfe gibt’s nicht beim Arbeitsamt.“ Auskömmliche Jobs leider auch immer seltener: der Trend „geht zu 3-Euro-Sponsoren“, zu aktivem ehrenamtlichem Engagement  – und zur Fan-Community.

Wie? Ganz einfach: per Klick  hier http://www.facebook.com/group.php?gid=125964702610&ref=mf-

und natürlich mit zahlreichen Besuchen der Sport-Events.

Denn, ohne Fans keine Medien, ohne Medien keine Sponsoren. Ohne Sportler kein Spaß beim Sport: einer der schönsten Jobs der Welt – eigentlich…

Quelle: Video 1 Scholz & Friends on YouTube http://www.youtube.com/user/ScholzundFriends – wo die Autorin ihr Texterhandwerk gelernt hat.

Konkurrenz weggeputzt: Deutsche Leichtathleten räumen Titel und Medaillen ab bei IWAS Games in Bangalore – Update

Die Erfolgsmeldungen von der Leichtathletik-WM im indischen Bangalore reißen nicht ab. Auch am vierten Wettkampftag vermeldet das deutsche Team sensationelle Ergebnisse: Mathias Mester wirft als erster kleinwüchsiger Athlet den Speer über die 40-Meter-Marke und holt sich den Titel mit einer Weite von 40,69 Metern.

In der 4x-400-Meter-Staffel kommen die deutschen amputierten Sprinter nach Disqualifikation der Thailänder mit einer Zeit von 47,96 Sekunden auf Platz eins und zum Weltmeister-Titel.

Über 100 Meter lief David Behre in neuer persönlicher Bestzeit von 24,56 Sekunden hinter dem Brasilianer Olivera zu Silber.

In der Startklasse der Oberschenkelamputierten  holte sich Heinrich Popow im deutsch-deutschen Duell den WM-Titel über 200 Meter. Bis zur Kurve hatte sich Wojtek Czyz einen Vorsprung erarbeitet, berichtet TSV Bayer 04 auf der Vereinsseite. In der Kurve kam der Leichtathlet vom 1. FC Kaiserlautern dann aber aus dem Tritt und verlor seine Prothese.

An der Spitze des Feldes nutzte Heinrich Popow seine Chance und sicherte sich in 26,62 Sekunden überraschend den Titel und Gold vor dem Japaner Yamamoto.

Heinrich Popow (Mitte) und Thomas Kipping (links)

Thomas Kipping mit Heinrich Popow und David Behre

Verliererin des Tages könnte nun Steffi Nerius sein, die ihre Wette mit Mathias Mester verlor. Doch sie nimmt es sportlich – und wurde vom deutschen Team freudig mit neuer Hymne bedacht: „Wir wollen dich putzen sehen,…“

Derzeit sind wohl alle deutschen Team-Mitglieder Gewinner: http://www.tsvbayer04.de/de/_news.detail.asp?id=4151&guid=E7AB23750F2A4C74B824B4574AD9967C-469-378-421

Beachtliche Leistungen sind das angesichts eher weniger optimaler Startbedingungen an den Wettkampfstätten in Bangalore und organisatorischer Ablaufschwierigkeiten aufseiten der Gastgeber. Sogar indische Sport-Journalisten äussern sich dazu kritisch:

http://beta.thehindu.com/sport/other-sports/article55126.ece

Da musste bei der Eröffnungszeremonie ein Redner im Rollstuhl auf die Tribüne gehoben werden, weil eine Rampe fehlte: ein echtes Handicap. Handbiker und Rennrollstuhlsportler bemängeln die Beschaffenheit der Tartanbahn, die zu langsam sei. „Am Anfang schien die Organisation etwas mit dem Ablauf überfordert zu sein – jedoch steigert man sich hier von Tag zu Tag. Gab es am ersten Tag noch nicht mal Weiten- oder Zeitenanzeigen, hat man das dann gleich am zweiten Tag im Griff gehabt. Mittlerweile wird bei den Siegerehrungen sogar die entsprechende Nationalhymne vom Band gespielt. Am ersten Tag haben wir mit dem Team unsere schöne Hymne noch live gesungen – wir wurden dafür sogar lobend in der indischen Presse erwähnt.“ so Thomas Kipping.

Er betreut das deutsche Team als Orthopädietechniker-Meister vor Ort. Was in anderen Nationen, wie etwa den USA schon seit Jahren professionelle Praxis ist, setzte nun der neue Bundestrainer, Willi Gernemann, um. „Nachdem ich bei einem Wettkampf in Münster gesehen habe, wie wichtig ein Orthopädiemechaniker sein kann, haben wir diese Neuerung eingeführt. Schließlich haben wir zahlreiche amputierte Athleten dabei, die auf ihre Prothesen angewiesen sind.“

Bei 16 Einsätzen stand Kipping den Leichtathleten mit Prothesen-Technik als Fachmann zur Seite, kümmerte sich um Reparatur und Feinjustierung der Sportausrüstung. Seine Werkstatt hat er mangels anderer Alternativen  in seinem Hotel-Zimmer in unmittelbarer Nähe der Athleten eingerichtet. Gegen 13 Uhr ging es dann per Shuttle-Bus samt gepacktem Rucksack mit Notfallwerkzeug, Tapes, Klebstoff ausgerüstet ins Stadion.

Nachwuchsathlet Nick Weihs und Thomas Kipping

Nachwuchsathlet Nick Weihs und Thomas Kipping

„Für die Prothesenträger ist es in erster Linie wichtig zu wissen, dass ein Orthopädietechniker mit entsprechendem Equipment im Hintergrund für den Notfall bereit steht. Das gibt ihnen eine gewisse Sicherheit im Kopf.“ erklärt der Mann für alle Fälle. Diese lassen sich indes trotz Fine-Tuning und Sicherheitsvorkehrungen nicht immer verhindern – und sind zum Glück selten.

Nach den ersten Trainingseindrücken optimierte Kipping die Prothese des Nachwuchsathleten Nick Weihs. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Drei persönliche Bestleistungen und eine Silbermedaille standen für den 17-jährigen Athleten auf der Habenseite.

Mit Orthopädie-Technikern läuft es gut

Mit Orthopädie-Technikern läuft es gut

Seit dem Jahr 2001 betreut Thomas Kipping den vierfachen Medaillengewinner in Indien und Paralympics-Sieger Heinrich Popow.

Thomas Kipping freut sich, das deutsche Team unterstützen zu können: „David Behres Stümpfe haben hier etwas im Umfang verloren – daher ruschten seine Prothesen und ein Sturz im Training war die Folge. Ich habe ihm den Innenschaft angepasst und die Ventile, die das Vakuum halten müssen, verbessert.“ Auch verschiedene statische Anpassungen gehören zu den Aufgaben des Supports vor den Wettkämpfen. Um größere Reparaturen durchführen zu können, steht Kipping in Kontakt mit Kollegen der Werkstatt von Otto Bock Health Care in Bangalore.

Es sei wichtig, alles an Maschinen und Material da zu haben, um komplette Prothesen bauen zu können, ergänzt der Orthopädietechniker des deutschen Teams und lobt die Hilfsbereitschaft der Otto-Bock-Werkstatt, die man bislang noch nicht in Anspruch nehmen musste.

Zum Boxenstopp gehört auch das Reifenflicken – eine echte Herausforderung für Thomas Kipping, als ein platter Rollstuhlreifen von Marianne Buggenhagen sofortigen Support benötigt: „Da kein Ersatzschlauch aufzutreiben war – und eine Lieferung 10 Tage dauert -, improvisierte der  erfahrene Team-Orthopädietechniker – und schnitt flugs einen Flicken aus einem Thera-Band, das Athleten  zu Trainingszwecken dient.

Jörg Frischmann, selbst erfolgreicher Leichtathlet dieser WM mit Silber im Kugelstoßen und Geschäftsführer von Bayer 04 Leverkusen, sagt: „Tom Kipping hat den Bereich Prothetik  sehr gut begleitet. Ich würde mich freuen, wenn er fester Bestandteil des Teams wird.“

Siegerehrung Jörg Frischmann

Siegerehrung Jörg Frischmann

Alles in allem läuft es sehr gut für das deutsche Leichtathletik-Team. Nächste Station ist vor den Paralympics 2012 die IPC Leichtathletik WM in Neuseeland 2011 – möglichst auch mit dem Orthopädie-Techniker Thomas Kipping im Nationalteam.

Martina Willing holte ihre zweite Goldmedaille nach Diskus jetzt auch im Kugelstoßen. Mit einer Weite von 8,17 Metern blieb die 50-Jährige nur 34 Zentimeter unter ihrer persönlichen Bestleistung und 47 Zentimeter unter dem Weltrekord. Für die mehrfache Paralympics-Siegerin Willing ist dies der siebte WM-Titel ihrer Laufbahn, meldet die Märkische Oderzeitung: http://www.moz.de/index.php/Moz/Article/category/Sport/id/306069 Am Sonntag setzte die Athletin noch einen drauf und eroberte sich beim Speerwerfen mit 23,53 Metern Platz eins und erneut Gold. Alle guten Dinge sind drei.

Im Speerwurf sicherte sich Marianne Buggenhagen mit 16,32 Metern Bronze. Am Sonntag glückte ihr beim Kugelstossen, was Martina Willing in deren Startklasse zuvor gelang: mit einer Weite von 8,17 Metern die Eisen- in eine Goldkugel zu verwandeln.

Weitwurf-Spezialisten - Ali Ghardooni und Steffi Nerius

Weitwurf-Spezialisten - Ali Ghardooni und Steffi Nerius

Der 29-jährige Diskuswerfer Ali Ghardooni, der nach einer Kinderlähmung das rechte Bein eingeschränkt nutzen kann, wirft die Scheibe aus der Sitzposition heraus – jetzt mit einer Weite von 44,71 Metern zu Gold. Damit hat der gebürtige Iraner sein Ziel hier bei der Leichtathletik-WM in Indien erreicht: den Weltmeistertitel. Er hofft, 2010 die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten.

Mit einer Gold- und zwei Silbermedaillen endeten die Titelkämpfe für die deutsche Mannschaft bei der Leichtathletik Weltmeisterschaft in Indien. Zum Auftakt des letzten WM-Tages gewann Marc Schuh in einem packenden Finale mit der Zeit von 49,62 Sekunden über 400 Meter Gold.

Weltmeister Mathias Mester

Weltmeister Mathias Mester

Mathias Mester stieß die Kugel zum guten Schluss mit 11,91 Metern noch einmal auf Europa-Rekordweite und gewann damit eine Silbermedaille. Seine Trainerin Steffi Nerius zeigt sich darüber mehr als erfeut – trotz oder gerade wegen verlorener Wette.

Sehr erfreulich, dass zumindest einige deutsche Lokal-Redaktionen auch aus der Ferne am Start sind bei den IWAS Games 2009.

(Text: Andrea Ramsteck, Fotos: Jörg Frischmann/TSV Bayer04 Leverkusen, Ali Ghardooni: privat)

„Respekt für eine bemerkenswerte Frau!“ – das zweite Leben der Steffi Nerius

Manchmal gibt es Tage, da stöbert man im Netz nach guten Sport-Reportagen oder Interviews zum paralympischen Sport – und entdeckt sie auch tatsächlich. Heute ist so ein Tag – und der Beitrag in der FAZ vom 18. November im Vorfeld der IWAS World Games und Leichtathletik WM 2009 der Sportler mit Handicap im indischen Bangalore http://www.paralympicindia.org.in/iwas/ – ein echter Lichtblick.

FAZ vom 18. November 2009

Im Gang zur Trainingshalle von Bayer Leverkusen hängt ein Poster, mit dem Nordrhein-Westfalen für sich wirbt. Die großen Köpfe des Landes sind versammelt, und Steffi Nerius lächelt zwischen Kardinal von Galen und Konrad Duden. Kein schlechter Platz. „Ja“, sagt Steffi Nerius und lacht laut. „Ich weiß auch nicht, wie ich dahin gekommen bin.“ An Ehrungen ist die 37-Jährige gewöhnt, seit sie im August in Berlin zum glanzvollen Ende ihrer Karriere Speerwurf-Weltmeisterin geworden ist. Die deutschen Spitzensportler haben sie daraufhin zu ihrem „Champion des Jahres“ gewählt.

Was, glauben Sie, haben die Kollegen damit gewürdigt? Den WM-Titel? Oder mehr?

„Wohl mehr, weil ich ja Paul Biedermann geschlagen habe, den zweifachen Weltmeister, der zweimal Weltrekord schwamm. Ich denke schon, dass die Kollegen meine ganze Karriere betrachtet haben, das ganze Paket. Vielleicht haben sie auch den Job gesehen.“

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“Wenn meine Athleten oben ankommen wollen, dann müssen sie schon ein bisschen ranknüppeln“: Steffi Berius mit der beinamputierten Schülerin Vanessa Low„Wenn meine Athleten oben ankommen wollen, dann müssen sie schon ein bisschen ranknüppeln“: Steffi Nerius mit der beinamputierten Schülerin Vanessa Low

Den Job, vor dem die Kollegen Olympiasieger und Weltmeister Hochachtung haben, macht Steffi Nerius seit dem 1. Oktober. Sie ist bei Bayer Leverkusen hauptamtliche Trainerin für behinderte Sportler. Einer von ihnen ist Mathias Mester, und der biegt in der Leverkusener Halle gerade um die Ecke. Mester ist kleinwüchsig, 1,42 Meter groß und Weltmeister mit dem Speer, dem Diskus und der Kugel. „Er ist so etwas wie das Aushängeschild meiner Trainingsgruppe“, sagt Steffi Nerius.

Neun Sportler und Sportlerinnen betreut sie in ihrem Kader, mit vier von ihnen flog sie am Mittwoch zur Weltmeisterschaft nach Bangalore in Indien. Mester ist ein lustiger Bursche. Während er durch die Trainingshalle geht, in der es von Sprintern, Stabhochspringern, Hammerwerfern und Hochspringern nur so wuselt, kommt er aus dem Grüßen nicht heraus: „Tag, Matse!“

Bevor sich der 23-Jährige für das Kugelstoßtraining warm macht, sitzt er neben einem riesigen Hammerwerfer auf der Bank und erzählt, dass er sich für Indien noch ein Netbook gekauft habe. Sei ja so praktisch und klein, viel besser als sein altes Laptop. „Na ja, Kleiner“, sagt der Hammerwerfer trocken, „für dich ist das Netbook ja ein Laptop.“ Großes Gelächter, und Mester lacht am lautesten. Das ist der Umgangston hier zwischen behinderten und nichtbehinderten Athleten: freundschaftlich, direkt, ohne falsche Scheu.

Wenig später steht Mester im Ring und stößt die vier Kilogramm schwere Kugel in Richtung der blauen Matten, die den Boden bedecken. Steffi Nerius sitzt auf einer Holzbank und schaut zu.

„Zu passiv, mehr Druck von den Beinen!“

“Mein letztes Jahr war der perfekte Abschluss“: Im August wurde Nerius Weltmeisterin„Mein letztes Jahr war der perfekte Abschluss“: Im August wurde Nerius Weltmeisterin

Mester holt die Kugel. Der nächste Versuch.

„Denk an die Konterbewegung. Du bist zu passiv mit den Beinen, du musst mehr Spannung auf die Schulter kriegen.“

Der dritte Versuch.

„Das war jetzt schön, aber nur schön, das reicht nicht, um weit zu stoßen.“

Mester schafft einen weiten Versuch, er markiert ihn auf der Matte mit einem Stück Klebeband, seine Aufgabe nun: diese Marke übertreffen. Das will nicht gelingen. Wieder und wieder scheitert er am selbstgesteckten Ziel. Er schreit die Enttäuschung heraus.

„Das war nix“, sagt Steffi Nerius. „Große Klappe reicht nicht. Einen noch, hopp oder topp!“

Mester arbeitet seit 2005 mit Steffi Nerius. Man könne mit ihr viel Spaß haben, sagt er, aber sie habe auch ihre Prinzipien. Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Disziplin, solche Sachen. „Ich arbeite gern mit ihr“, sagt Mester.

Fleiß und Disziplin sind für Steffi Nerius der Treibstoff ihres Lebens. Sie hat neben die Sportkarriere immer etwas anderes gesetzt: erst in Köln Sport studiert, dann von 1998 an im Reha-Bereich gearbeitet. 2002 bekam sie einen Halbtagsjob als Behindertentrainerin bei Bayer, der seit Oktober zur vollen Stelle wurde.

Warum haben Sie sich immer diese Doppelbelastung zugemutet?

„Ich habe schon im Studium in den Semesterferien gemerkt, dass es nichts für mich ist, wenn ich neben dem Sport gar nichts zu tun habe. Man kann nicht nur über Sport nachdenken, ich brauche noch etwas anderes für den Kopf. Ich bin im Studium halt um sieben aufgestanden und habe erst mal zwei Stunden gelernt. Da scheitert es bei vielen Athleten, die ich so kenne. Aber man kriegt alles hin, wenn man organisiert ist.“

Wo haben Sie das gelernt?

„Zielstrebigkeit und Fleiß habe ich von meinen Eltern mitbekommen. Ich bin auch durch die Kinder- und Jugendsportschule geformt worden. Ich bin ja mit 13 ins Internat in Rostock gekommen. Da gab es einen durchorganisierten Tagesablauf, wir sind um sechs aufgestanden, Frühstück, Schule, Training, Mittagessen, Schule, Training, Abendbrot, Schlafengehen. Das war ein Tagesablauf, bei dem man nicht sagen konnte, ich gehe jetzt mal drei Stunden in die Stadt zum Bummeln.“

In der Bayer-Halle macht Mathias Mester Pause. Steffi Nerius kümmert sich um eine andere Athletin, um die 18 Jahre alte Weitspringerin und Sprinterin Vanessa Low, die vor zwei Jahren von einem Zug überrollt wurde und beide Beine verlor. Auf der Bank am Rande hat sie ihre Alltagsprothesen gegen die Sportversion getauscht. Dann geht sie hinüber zur Sprunganlage, und gemeinsam mit Steffi Nerius wird am Absprung gefeilt. Nach und nach trudelt der Rest der Trainingsgruppe ein, in einer halben Stunde beginnt im Gymnastiksaal ein gemeinsames Stabilisationstraining, auf das Steffi Nerius besonderen Wert legt.

Wie sind Sie als Trainerin?

„Ich habe einen gewissen Anspruch. Wenn meine Athleten wirklich oben ankommen wollen, dann müssen sie schon ein bisschen ranknüppeln und Ehrgeiz zeigen. Wenn ich das Gefühl habe, sie sind nur am Jammern, dann kann ich auch schon einmal laut werden.“

Was unterscheidet die Trainingsarbeit mit behinderten von der mit nichtbehinderten Sportlern?

„Trainingsmethodik und der Umgang miteinander sind das Gleiche. Die Behinderten, die zu uns kommen, um Leistungssport zu treiben und mal zu den Paralympics wollen, sind nicht mehr in einem Stadium, wo sie depressiv sind wegen ihrer Behinderung, wo sie frustriert sind, wo sie bemitleidet werden wollen, die wollen alles austesten, die wollen an ihre Grenzen herangeführt werden, wollen gefordert werden, deswegen sind sie hier, und deswegen ist es für den Trainer vom Herangehen her genau das Gleiche wie bei Nichtbehinderten.“

Steffi Nerius ist mit dem Leistungssport großgeworden. Auch als Trainerin hat sie den Ehrgeiz, Sieger zu formen. Doch das ist nur ein Aspekt ihrer Arbeit. Sie ist auch Gründerin und Schirmherrin des Fördervereins „aclive“, der um Sponsoren für die Behindertenabteilung von Bayer Leverkusen wirbt. Ziel ist es, den Nachwuchs zu fördern, ein Fundament zu bauen, wie es im Nichtbehindertensport üblich ist. Trainingsgruppen schon für Acht- bis Zehnjährige, Fahrdienste, soziale Strukturen, Eltern entlasten – das sind die Stichworte.

Als Steffi Nerius 2002 als Trainerin zu Bayer kam, hatte die Behindertenabteilung, die heute 321 Mitglieder hat, 29 Kinder und Jugendliche, heute sind es 82. Der Breitensport ist wichtig und groß geworden, es geht Steffi Nerius nicht nur um Siege und Leistungen, es geht auch um das Meistern des täglichen Lebens, um Sicherheit und Selbstbewusstsein.

Sie sind jetzt oft nur noch Zuschauerin. Vermissen Sie für sich selbst schon die Wettkämpfe? Das Training?

„Das Training gar nicht. Ich muss mich geradezu zwingen, überhaupt etwas zu machen. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen deswegen. Ich spüre auch keine Wehmut, weil es vorbei ist mit dem aktiven Sport, keine Melancholie. Ich habe nicht geheult beim Abschied. Mein letztes Jahr war der perfekte Abschluss, ich bin innerlich total befriedigt mit allem, was ich gemacht habe in meiner Karriere. Ich habe nichts verpasst. Es ist schön, dieses Gefühl in sich zu haben.“

Steffi Nerius steht in der Gymnastikhalle am Rand, sie ruht in sich, schaut zu, korrigiert bisweilen. Sie mag es, wenn alle ihre Athleten zumindest einmal die Woche nicht einzeln trainieren, sondern beisammen sind. Es geht ihr bei diesem Stabilisationstraining um mehr als um körperliche Ertüchtigung und Leistungssport. Es geht ihr um das Gefühl von Gemeinschaft.

Und ein Leser kommentiert: „Respekt für eine bemerkenswerte Frau!“

Text: F.A.S. Bildmaterial: AP, Edgar Schoepal

Quelle: FAZ online http://www.faz.net/s/Rub9CD731D06F17450CB39BE001000DD173/Doc~EB01655A5034E47D494DEE6D55D40E2C4~ATpl~Ecommon~Scontent.html