„Respekt für eine bemerkenswerte Frau!“ – das zweite Leben der Steffi Nerius

Manchmal gibt es Tage, da stöbert man im Netz nach guten Sport-Reportagen oder Interviews zum paralympischen Sport – und entdeckt sie auch tatsächlich. Heute ist so ein Tag – und der Beitrag in der FAZ vom 18. November im Vorfeld der IWAS World Games und Leichtathletik WM 2009 der Sportler mit Handicap im indischen Bangalore http://www.paralympicindia.org.in/iwas/ – ein echter Lichtblick.

FAZ vom 18. November 2009

Im Gang zur Trainingshalle von Bayer Leverkusen hängt ein Poster, mit dem Nordrhein-Westfalen für sich wirbt. Die großen Köpfe des Landes sind versammelt, und Steffi Nerius lächelt zwischen Kardinal von Galen und Konrad Duden. Kein schlechter Platz. „Ja“, sagt Steffi Nerius und lacht laut. „Ich weiß auch nicht, wie ich dahin gekommen bin.“ An Ehrungen ist die 37-Jährige gewöhnt, seit sie im August in Berlin zum glanzvollen Ende ihrer Karriere Speerwurf-Weltmeisterin geworden ist. Die deutschen Spitzensportler haben sie daraufhin zu ihrem „Champion des Jahres“ gewählt.

Was, glauben Sie, haben die Kollegen damit gewürdigt? Den WM-Titel? Oder mehr?

„Wohl mehr, weil ich ja Paul Biedermann geschlagen habe, den zweifachen Weltmeister, der zweimal Weltrekord schwamm. Ich denke schon, dass die Kollegen meine ganze Karriere betrachtet haben, das ganze Paket. Vielleicht haben sie auch den Job gesehen.“

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“Wenn meine Athleten oben ankommen wollen, dann müssen sie schon ein bisschen ranknüppeln“: Steffi Berius mit der beinamputierten Schülerin Vanessa Low„Wenn meine Athleten oben ankommen wollen, dann müssen sie schon ein bisschen ranknüppeln“: Steffi Nerius mit der beinamputierten Schülerin Vanessa Low

Den Job, vor dem die Kollegen Olympiasieger und Weltmeister Hochachtung haben, macht Steffi Nerius seit dem 1. Oktober. Sie ist bei Bayer Leverkusen hauptamtliche Trainerin für behinderte Sportler. Einer von ihnen ist Mathias Mester, und der biegt in der Leverkusener Halle gerade um die Ecke. Mester ist kleinwüchsig, 1,42 Meter groß und Weltmeister mit dem Speer, dem Diskus und der Kugel. „Er ist so etwas wie das Aushängeschild meiner Trainingsgruppe“, sagt Steffi Nerius.

Neun Sportler und Sportlerinnen betreut sie in ihrem Kader, mit vier von ihnen flog sie am Mittwoch zur Weltmeisterschaft nach Bangalore in Indien. Mester ist ein lustiger Bursche. Während er durch die Trainingshalle geht, in der es von Sprintern, Stabhochspringern, Hammerwerfern und Hochspringern nur so wuselt, kommt er aus dem Grüßen nicht heraus: „Tag, Matse!“

Bevor sich der 23-Jährige für das Kugelstoßtraining warm macht, sitzt er neben einem riesigen Hammerwerfer auf der Bank und erzählt, dass er sich für Indien noch ein Netbook gekauft habe. Sei ja so praktisch und klein, viel besser als sein altes Laptop. „Na ja, Kleiner“, sagt der Hammerwerfer trocken, „für dich ist das Netbook ja ein Laptop.“ Großes Gelächter, und Mester lacht am lautesten. Das ist der Umgangston hier zwischen behinderten und nichtbehinderten Athleten: freundschaftlich, direkt, ohne falsche Scheu.

Wenig später steht Mester im Ring und stößt die vier Kilogramm schwere Kugel in Richtung der blauen Matten, die den Boden bedecken. Steffi Nerius sitzt auf einer Holzbank und schaut zu.

„Zu passiv, mehr Druck von den Beinen!“

“Mein letztes Jahr war der perfekte Abschluss“: Im August wurde Nerius Weltmeisterin„Mein letztes Jahr war der perfekte Abschluss“: Im August wurde Nerius Weltmeisterin

Mester holt die Kugel. Der nächste Versuch.

„Denk an die Konterbewegung. Du bist zu passiv mit den Beinen, du musst mehr Spannung auf die Schulter kriegen.“

Der dritte Versuch.

„Das war jetzt schön, aber nur schön, das reicht nicht, um weit zu stoßen.“

Mester schafft einen weiten Versuch, er markiert ihn auf der Matte mit einem Stück Klebeband, seine Aufgabe nun: diese Marke übertreffen. Das will nicht gelingen. Wieder und wieder scheitert er am selbstgesteckten Ziel. Er schreit die Enttäuschung heraus.

„Das war nix“, sagt Steffi Nerius. „Große Klappe reicht nicht. Einen noch, hopp oder topp!“

Mester arbeitet seit 2005 mit Steffi Nerius. Man könne mit ihr viel Spaß haben, sagt er, aber sie habe auch ihre Prinzipien. Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Disziplin, solche Sachen. „Ich arbeite gern mit ihr“, sagt Mester.

Fleiß und Disziplin sind für Steffi Nerius der Treibstoff ihres Lebens. Sie hat neben die Sportkarriere immer etwas anderes gesetzt: erst in Köln Sport studiert, dann von 1998 an im Reha-Bereich gearbeitet. 2002 bekam sie einen Halbtagsjob als Behindertentrainerin bei Bayer, der seit Oktober zur vollen Stelle wurde.

Warum haben Sie sich immer diese Doppelbelastung zugemutet?

„Ich habe schon im Studium in den Semesterferien gemerkt, dass es nichts für mich ist, wenn ich neben dem Sport gar nichts zu tun habe. Man kann nicht nur über Sport nachdenken, ich brauche noch etwas anderes für den Kopf. Ich bin im Studium halt um sieben aufgestanden und habe erst mal zwei Stunden gelernt. Da scheitert es bei vielen Athleten, die ich so kenne. Aber man kriegt alles hin, wenn man organisiert ist.“

Wo haben Sie das gelernt?

„Zielstrebigkeit und Fleiß habe ich von meinen Eltern mitbekommen. Ich bin auch durch die Kinder- und Jugendsportschule geformt worden. Ich bin ja mit 13 ins Internat in Rostock gekommen. Da gab es einen durchorganisierten Tagesablauf, wir sind um sechs aufgestanden, Frühstück, Schule, Training, Mittagessen, Schule, Training, Abendbrot, Schlafengehen. Das war ein Tagesablauf, bei dem man nicht sagen konnte, ich gehe jetzt mal drei Stunden in die Stadt zum Bummeln.“

In der Bayer-Halle macht Mathias Mester Pause. Steffi Nerius kümmert sich um eine andere Athletin, um die 18 Jahre alte Weitspringerin und Sprinterin Vanessa Low, die vor zwei Jahren von einem Zug überrollt wurde und beide Beine verlor. Auf der Bank am Rande hat sie ihre Alltagsprothesen gegen die Sportversion getauscht. Dann geht sie hinüber zur Sprunganlage, und gemeinsam mit Steffi Nerius wird am Absprung gefeilt. Nach und nach trudelt der Rest der Trainingsgruppe ein, in einer halben Stunde beginnt im Gymnastiksaal ein gemeinsames Stabilisationstraining, auf das Steffi Nerius besonderen Wert legt.

Wie sind Sie als Trainerin?

„Ich habe einen gewissen Anspruch. Wenn meine Athleten wirklich oben ankommen wollen, dann müssen sie schon ein bisschen ranknüppeln und Ehrgeiz zeigen. Wenn ich das Gefühl habe, sie sind nur am Jammern, dann kann ich auch schon einmal laut werden.“

Was unterscheidet die Trainingsarbeit mit behinderten von der mit nichtbehinderten Sportlern?

„Trainingsmethodik und der Umgang miteinander sind das Gleiche. Die Behinderten, die zu uns kommen, um Leistungssport zu treiben und mal zu den Paralympics wollen, sind nicht mehr in einem Stadium, wo sie depressiv sind wegen ihrer Behinderung, wo sie frustriert sind, wo sie bemitleidet werden wollen, die wollen alles austesten, die wollen an ihre Grenzen herangeführt werden, wollen gefordert werden, deswegen sind sie hier, und deswegen ist es für den Trainer vom Herangehen her genau das Gleiche wie bei Nichtbehinderten.“

Steffi Nerius ist mit dem Leistungssport großgeworden. Auch als Trainerin hat sie den Ehrgeiz, Sieger zu formen. Doch das ist nur ein Aspekt ihrer Arbeit. Sie ist auch Gründerin und Schirmherrin des Fördervereins „aclive“, der um Sponsoren für die Behindertenabteilung von Bayer Leverkusen wirbt. Ziel ist es, den Nachwuchs zu fördern, ein Fundament zu bauen, wie es im Nichtbehindertensport üblich ist. Trainingsgruppen schon für Acht- bis Zehnjährige, Fahrdienste, soziale Strukturen, Eltern entlasten – das sind die Stichworte.

Als Steffi Nerius 2002 als Trainerin zu Bayer kam, hatte die Behindertenabteilung, die heute 321 Mitglieder hat, 29 Kinder und Jugendliche, heute sind es 82. Der Breitensport ist wichtig und groß geworden, es geht Steffi Nerius nicht nur um Siege und Leistungen, es geht auch um das Meistern des täglichen Lebens, um Sicherheit und Selbstbewusstsein.

Sie sind jetzt oft nur noch Zuschauerin. Vermissen Sie für sich selbst schon die Wettkämpfe? Das Training?

„Das Training gar nicht. Ich muss mich geradezu zwingen, überhaupt etwas zu machen. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen deswegen. Ich spüre auch keine Wehmut, weil es vorbei ist mit dem aktiven Sport, keine Melancholie. Ich habe nicht geheult beim Abschied. Mein letztes Jahr war der perfekte Abschluss, ich bin innerlich total befriedigt mit allem, was ich gemacht habe in meiner Karriere. Ich habe nichts verpasst. Es ist schön, dieses Gefühl in sich zu haben.“

Steffi Nerius steht in der Gymnastikhalle am Rand, sie ruht in sich, schaut zu, korrigiert bisweilen. Sie mag es, wenn alle ihre Athleten zumindest einmal die Woche nicht einzeln trainieren, sondern beisammen sind. Es geht ihr bei diesem Stabilisationstraining um mehr als um körperliche Ertüchtigung und Leistungssport. Es geht ihr um das Gefühl von Gemeinschaft.

Und ein Leser kommentiert: „Respekt für eine bemerkenswerte Frau!“

Text: F.A.S. Bildmaterial: AP, Edgar Schoepal

Quelle: FAZ online http://www.faz.net/s/Rub9CD731D06F17450CB39BE001000DD173/Doc~EB01655A5034E47D494DEE6D55D40E2C4~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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